Kasperle im Tarnanzug – Wenn die Bundeswehr Krieg spielt und der Steuerzahler die Rechnung übernimmt. Es ist ein Bild, das sinnbildlich für ein grundsätzliches Problem steht: Soldaten der Bundeswehr in voller Ausrüstung, hochkonzentriert im Übungseinsatz – und ihnen gegenüber ein „aufgebrachter Zivilist“, der in Wahrheit ein bezahlter Darsteller ist. Was als modernes, „realitätsnahes Training“ verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein staatlich finanziertes Rollenspiel. Und die entscheidende Frage lautet: Wer bezahlt dieses Theater? Die Antwort ist so einfach wie unbequem – der deutsche Steuerzahler.
Natürlich wird das Konzept wohlklingend begründet. Man spricht von interkultureller Kompetenz, von Deeskalation, von komplexen Einsatzrealitäten. Soldaten sollen lernen, mit Zivilisten umzugehen, Konflikte frühzeitig zu entschärfen, Situationen richtig einzuschätzen. Das klingt sinnvoll – zumindest auf dem Papier. Doch die Praxis wirft Zweifel auf.
Denn was hier als „Realität“ inszeniert wird, ist letztlich eine kontrollierte Illusion. Die Darsteller folgen Rollen, Szenarien werden geplant, Eskalationen sind begrenzt. Alles bewegt sich innerhalb eines Rahmens, der vorher festgelegt wurde. Der Soldat weiß – bewusst oder unbewusst – dass er sich in einer Simulation befindet. Genau das unterscheidet diese Übungen fundamental vom Ernstfall, der sich weder planen noch kontrollieren lässt.
Und hier beginnt die eigentliche Kritik: Es geht nicht nur um die Sinnhaftigkeit dieser Trainingsform, sondern um ihre Kosten – und um Prioritäten.
Zivile Rollenspieler werden nicht einfach „mal eben“ engagiert. Hinter solchen Übungen stehen Agenturen, Verträge, Organisation, Logistik. Menschen müssen rekrutiert, geschult, bezahlt und betreut werden. Hinzu kommen Infrastruktur, Sicherheitsmaßnahmen und Verwaltungsaufwand. Jeder dieser Punkte kostet Geld – viel Geld. Genaue Zahlen werden selten transparent kommuniziert, doch es liegt auf der Hand, dass es sich nicht um Peanuts handelt.
Gleichzeitig hören wir seit Jahren dieselben Klagen: Es fehlt an funktionierender Ausrüstung, an Ersatzteilen, an Personal. Fahrzeuge sind nicht einsatzbereit, Material ist veraltet, Prozesse sind ineffizient. Und genau in dieser Situation entscheidet man sich, Mittel in ein System zu investieren, das – freundlich formuliert – zumindest umstritten ist.
Man muss sich das einmal plastisch vorstellen: Während Soldaten teilweise mit eingeschränkter Ausrüstung trainieren oder arbeiten müssen, werden parallel Darsteller bezahlt, um künstliche Szenarien zu erzeugen. Es entsteht der Eindruck einer Schieflage – nicht nur finanziell, sondern auch gedanklich.
Denn eine Armee sollte sich am Ernstfall orientieren, nicht an seiner Inszenierung.
Der Verteidiger dieses Systems wird argumentieren, dass moderne Konflikte eben nicht nur militärisch sind, sondern auch gesellschaftlich, kommunikativ, politisch. Dass es ohne solche Übungen gar nicht mehr gehe. Doch genau hier liegt die Gefahr: Wenn man beginnt zu glauben, man könne die Komplexität realer Konflikte in ein Trainingsdrehbuch pressen, dann läuft man Gefahr, sich selbst zu überschätzen.
Krieg ist kein Planspiel. Er ist nicht fair, nicht strukturiert und schon gar nicht pädagogisch wertvoll. Er ist chaotisch, widersprüchlich und oft irrational. Wer ihn in ein Übungsszenario mit Rollenverteilung übersetzt, reduziert ihn zwangsläufig – und trainiert damit möglicherweise an der Realität vorbei.
Und der Steuerzahler? Der steht am Ende stillschweigend im Hintergrund und finanziert dieses System. Ohne Mitsprache, ohne echte Transparenz, ohne klare Möglichkeit zu bewerten, ob der Nutzen den Aufwand rechtfertigt. In Zeiten, in denen jeder Haushaltsposten diskutiert wird, in denen Bürger steigende Abgaben und Kosten tragen müssen, wirkt es zumindest fragwürdig, wenn Gelder in derart schwer greifbare Maßnahmen fließen.
Es geht hier nicht darum, jede Form von Ausbildung zu diskreditieren. Es geht um Verhältnismäßigkeit. Um die Frage, ob das, was hier betrieben wird, tatsächlich einen messbaren Mehrwert liefert – oder ob es sich zunehmend um eine gut gemeinte, aber letztlich künstliche Parallelwelt handelt.
Am Ende bleibt ein unangenehmer Eindruck: Während die Realität immer komplexer und härter wird, trainiert man in einer Umgebung, die genau das nicht ist. Und während die Rechnung dafür stetig wächst, wird sie von denen bezahlt, die zu Recht erwarten dürfen, dass mit ihrem Geld verantwortungsvoll umgegangen wird.
Vielleicht ist das größte Problem nicht einmal das Geld selbst. Sondern die Illusion, die damit erkauft wird: die Illusion von Kontrolle, von Vorbereitung, von Sicherheit.
Ein Kasperle-Theater – nur dass der Eintritt nicht freiwillig ist, sondern per Steuerbescheid eingezogen wird.
Bei der Bundeswehr in Germersheim (Südpfalz-Kaserne) werden Zivilisten als Rollenspieler für die lehrgangsgebundene einsatzvorbereitende Ausbildung der Luftwaffe in verschiedenen Trainingsmodulen der Fortbildung eingesetzt. Hierbei werden die Rollenspieler in dem einen Szenarium von den Soldatinnen und Soldaten durchsucht, bei einem anderen Szenarium müssen die Rollenspieler einen Pulk von Dorfbewohnern darstellen.

Gemeinsam für die Region
André Braselmann
ist ein unabhängiger Freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Region Südpfalz.
Er berichtet über das, was vor Ort passiert – offen, kritisch und nah an den Menschen.
Er arbeitet ohne Zwangsgebühren, ohne Steuergelder und ohne finanzielle Großsponsoren.
Was er tut, tu er für die Gesellschaft – und nur mit Ihrer Unterstützung.
Denn guter lokaler Journalismus entsteht nicht von allein.
Es braucht Menschen, die hinschauen, mitdenken und mittragen.
"Unterstützen Sie mich, damit unsere Region weiterhin eine starke, unabhängige Stimme hat."
1000 Dank!
Ihr Südpfalzreporter André Braselmann
PayPal • whydonate

